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Eigentlich wollte ich etwas zum Kräuterleben im Frühling schreiben. Aber ich kam nicht wirklich weiter. Es hat mich nicht gepackt. Immer mehr verspürte ich Zeitdruck und der Blick auf meine To Do Liste mit allem, was auch noch auf mich wartete, gab mir den Rest. Mein Stresspegel stieg immer stärker an. Außerdem musste ich dringend einige Kräuter ernten, denn für den Nachmittag hatte sich Regen angekündigt. Aber wie sollte das gehen? Wie sollte ich das alles schaffen. Ich dachte in meinem gewohnten Perfektionismus daran, wie ein Sammelritual aussehen sollte. In Ruhe, aufmerksam, ausgeglichen in der Stimmungslage, voller positiver Energie. Ohne innerlichen Stress. Ha, alles genau das, was ich zurzeit überhaupt nicht verspürte. Konnte ich da wirklich den Kräutern begegnen? Aber mir wurde auch klar, dass es in dieser Stimmung keinen Zweck hatte, einen Blogbeitrag zu schreiben oder etwas anderes zu beginnen. Deshalb entschied ich mich für den Weg in die Natur und so unperfekt, wie ich im Moment war, der Brennnessel und den Huflattichblüten zu begegnen. Der Blogartikel musste warten.

Draußen in der Natur merkte ich sofort, wie meine Gedanken klarer wurden, es war ziemlich windig und ich wurde gehörig durchgepustet, aber das tat mir gerade besonders gut. Der erste Gang führte mich zu den Brennnesseln. Zur Sicherheit hatte ich Handschuhe dabei. Um diese Zeit sind die Brennnesseln bei uns noch ganz klein, fast rot und enthalten die starke Frühlingsenergie, die ich so liebe. Also begann ich kleine Triebspitzen zu ernten. Irgendwas fühlte sich aber nicht richtig an. Ich konnte mit den Handschuhen auch die kleinen Triebe nicht richtig fassen und ich spürte überhaupt keine Verbindung mit den Pflanzen. Plötzlich kam mir das Wort Achtsamkeit in den Sinn. Die Brennnessel verdiente auf jeden Fall meine Achtsamkeit und komplette Aufmerksamkeit. Ich zog den Handschuh aus und begann die Triebspitzen mit den Fingern zu ernten. Interessanterweise brannten die Brennnesseln fast überhaupt nicht. Zum einen, weil ich wirklich sehr achtsam und vorsichtig mit den Trieben umging, zum anderen erinnerte ich mich daran, dass in diesem Zustand des Wachstums anscheinend kaum Brennhaare vorhanden waren. Was ich ebenfalls feststellte, war, dass meine Gedanken plötzlich nur noch bei der Pflanze waren. Alles andere war weit weg. Keine To Do Liste mehr in meinem Kopf oder ein Blogartikel, den ich unbedingt noch schreiben wollte. Ich bedankte mich bei der Brennnessel für Ihre Hilfe achtsam zu werden und aus dem Gedankenkarussel eine Weile auszusteigen.

Als nächstes stand der Huflattich an. Ich merkte auf dem Weg, dass mein innerlicher Stress sich schon zum großen Teil aufgelöst hatte. Mein Blick fiel auf das schöne Panorama hinter meinem Haus, wo die Berge oben noch schneebedeckt waren und im Kontrast zum rostrot meines Holzhauses standen. Diese Schönheit ist mir schon länger nicht mehr so bewusst geworden. Beim Huflattich angekommen, fiel mir an den Blütenköpfchen auf, dass alle in genau eine Richtung nach Osten zeigten, dort wo die Sonne im Moment stand. Ich wusste natürlich, dass der Huflattich sich mit seinen Blüten nach der Sonne richtet, aber das so bewusst wahrzunehmen, ist auch wieder etwas anderes. Ich wurde immer offener für Zeichen um mich herum. Ein Gespräch mit meiner Nachbarin kam mir plötzlich wieder in den Sinn, dass die Huflattichblüten in diesem Jahr so extrem vermehrt bei uns sind, wie noch nie zuvor. Auch der Giersch ist in diesem Jahr so invasiv, dass ich mir meine Gedanken mache. Brauche ich diese Pflanzen verstärkt? Die Sonnenkräfte der wunderschönen gelben Huflattichblüten, die für Lebensfreude und Optimismus stehen, die Lunge befreien und die mir immer ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Oder Giersch für die Entsäuerung des Körpers und eine Blutreinigung? In welcher Weise kann ich die Pflanzen in mein Leben lassen, so dass es zu einer echten Begegnung kommt?

Dieser Spaziergang hat mich zentriert und zu mir selbst kommen lassen. Ja, das Frühjahr hat soviele Aufgaben, dass ich manchmal nicht weiß, was ich zuerst machen soll. Oft kommt es mir so vor, als hätte der Tag zu wenig Stunden, um alles dringende und wichtige zu erledigen. Aber eines ist mir klar geworden, unter Stress schaffe ich noch weniger. Bei der Begegnung mit den Kräutern habe ich mich zunächst für den körperlichen Ansatz entschieden und die Brennnessel zu einer Urtinktur verarbeitet. Weiterhin habe ich einen Teil getrocknet, um es als Pulver zu Gemüse, Müsli etc. zu verwenden. Aus Giersch habe ich ebenfalls eine Urtinktur angesetzt, denn auch hier liebe ich vor allem die Frühlingskraft der jungen weichen Triebe. Gleichzeitig habe ich einen leckeren Brotaufstrich gemacht, in den neben Giersch auch Löwenzahn, Gundelrebe, Schnittlauch und einige Huflattichblüten kamen. Mein Kater Merlin interessierte sich übrigens sehr für diesen Brotaufstrich, der aber aufgrund des Schnittlauchs tabu war.

Abschließend hat dieser Tag mir gezeigt, dass es keinen Sinn hat, sich selbst zu überfordern und alles auf einmal machen zu wollen. Außerdem muss jedes Sammelritual nicht immer perfekt sein und die Pflanzen können uns sogar dort abholen, wo wir gerade emotional sind. Vielen Dank Brennnessel.

Es braucht gar nicht viel, um mal aus dem täglichen Hamsterrad auszusteigen. Diese kleinen Momente der Achtsamkeit auf meinem Kräuterspaziergang haben eine Auswirkung auf den kompletten Tagesablauf gehabt und nicht viel Zeit gekostet. Ich nehme mir fest vor, wenn ich das nächste mal unter Stress stehe und vor lauter Arbeit nicht weiß, wo mir der Kopf steht, mal einen Schritt zur Seite zu treten, den Weg zu den Pflanzen zu suchen und achtsam zu sein. Und ich werde mich auf die Zeichen einlassen, die mir die Pflanzen geben und den Huflattich und Giersch in den nächsten Wochen in mein Leben aufnehmen. Mal schauen, was sie mir noch zu sagen haben.

Brotaufstrich: 1 Becher Cottage Cheese (Frischkäse), ein halber Becher Kesam mager (ersetzt hier Quark), 2 Handvoll klein geschnittene Wildkräuter nach Wahl (hier Schnittlauch, Gundelrebe, Giersch, Löwenzahnblätter, Huflattichblüten). Nach Geschmack würzen mit Salz, Pfeffer und wenn zur Hand Gute Laune von Sonnentor.

 

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